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Texte und Fotos von Bert Strebe

der tag der nicht endete begann um vier uhr morgens als
ein körperloses wesen in der wohnung meiner mutter
auf dem flur auf und ab ging
auf und ab und auf und ab
ich konnte es nicht sehen nur spüren ich stand
frierend in der wohnzimmertür ich wollte bloß aufs klo
ging aber zurück zur couch kroch unter die besucherbettwäsche
die sich immer wie ein klammes kettenhemd auf den körper legte
ich stand erst spät auf meine mutter hantierte schon in der küche
brühte kaffee und sprach mit einer schwalbe die im herbst
entschieden hatte nicht nach süden zu fliegen sondern im üppigen
waldgeißblattgestrüpp am balkongeländer zu überwintern
meine mutter fütterte sie bereitete wärmflaschen besprach mit ihr
die politische lage und erzählte mir beim frühstück von der schwalbensippe
und ihren komplizierten verwandtschaftsverhältnissen wer mit wem
und wer mit wem nicht und wer mit wem nie wieder und wie traurig das sei
und dann kam meine mutter umstandslos darauf zu sprechen dass es
besser wäre wenn sie bald stürbe morgen sagte sie oder jetzt gleich sofort
dass doch niemand mehr wissen wolle was sie wisse
dass ihre erinnerungen in der gegenwart gegenstandlos seien
selbst ihre freunde habe sie verloren nach dem tod meines vaters
denn alle hätten immer nur über das wetter
und über das fernsehprogramm reden wollen
nie über das sterben und das sei so todlangweilig gewesen
die meisten seien inzwischen selbst unter der erde erzählte sie
zwischen zwei krümeln brot sie aß kaum noch niemand stehe
an ihren gräbern das hätten sie nun davon sie lachte beinahe
und wandte sich zur weißen wand und fragte oder was denkst du
und als ich fragte mit wem sie da spräche
erwähnte sie eine vor jahren verblichene cousine dritten grades
von der ich bisher nicht mal den namen gehört hatte
ich sagte artig guten tag in richtung der wand
und meine mutter beugte sich zu mir und flüsterte
die cousine räuspere sich immer so aufdringlich man müsse ihr
ein wenig beachtung schenken sonst werde sie impertinent
kümmere dich nicht um sie sagte sie und nahm einen schluck kaffee
und ich traute mich nach dem wesen nachts auf dem flur zu fragen
sie habe nichts bemerkt sagte meine mutter war das vielleicht dein vater
ich weiß es nicht sagte ich sie sagte er komme manchmal vorbei und
beklage dass sie immer noch sein geld ausgebe du weißt die witwenpension
vormittags begleitete ich sie zum arzt herr doktor sagte sie
es wäre gut wenn ich bald stürbe
das darf ich nicht sagte der arzt und verschrieb ihr etwas
draußen warf meine mutter das rezept in den nächsten papierkorb
wir gingen kuchen essen dann wollte sie etwas laufen
wir liefen zwei blocks langsam und mit pausen
danach legte sie sich für ein nickerchen auf die couch sie schlief lange
sie schlief so lange dass ich nachschauen ging
sie war wachsweiß sie atmete nicht ich berührte sie an der schulter
keine reaktion ich hörte mich schon telefonieren
schwestern arzt bestatter da öffnete sie ein auge holte luft
und fragte wie mir der kuchen geschmeckt habe
sie habe sich verschlafen sagte sie sie sagte es wie jemand sagt
er habe sich verirrt sie sagte ich war keine gute mutter
ich protestierte unterbrich mich nicht sagte sie du kannst das
nicht beurteilen du bist keine mutter und wirst nie eine sein
abends kochte ich sie erzählte von krieg und kinderlandverschickung
von ihrem vater der sich einen stammhalter gewünscht habe nicht
bloß ein mädchen und wie ihre mutter sie dann in den keller gesperrt
und sich abgewandt und das licht gelöscht habe
sie aß ein paar happen sprach vom theaterspielen wie sie
meinen vater kennengelernt hatte sie kramte aus einer schublade
voller stifte gummibänder büroklammern das allererste foto hervor
winzig klein vier leute auf einer bühne niemand zu erkennen
die kinder die mühe die jahre die traurigkeit die toten das glück
ich mache den abwasch sagte sie hab ich schon gemacht sagte ich
ach so sie schaute auf sie sagte ich hoffe
dass ich deinen vater bald wiedersehen werde
aber jetzt bin ich müde sie seufzte stand auf und brach zusammen
ich hob sie hoch wie schwer so eine kleine alte frau sein kann
sie war tot aber
sie kam noch mal zurück keinen rettungswagen sagte sie
ich brachte sie ins bett sie stand wieder auf
sie legte sich hin sie setzte sich auf sie konnte
weder liegen noch sitzen noch stehen ich hielt ihre hand
um sie herum war eine art widerstand die zeit steckte fest
ich zog mir einen sessel heran las ihr märchen vor
da wurde es besser mein vöglein mit dem ringlein rot
ich spürte wieder das wesen auf dem flur auf und ab
auf und ab auf und ab ihr atem rasselte leise
und als der tag der nicht endete dann doch noch endete
stand tatsächlich mein vater im raum er fasste die hand
meiner mutter sie lächelte sie sahen genauso aus
wie auf dem allerersten foto und er ging mit ihr nach haus







Bildband „Anderwelt“: Ich habe Hinterbliebene mit ihren Toten fotografiert. Die Kamera kann die Toten nicht sehen. Aber sie sind im Gesicht der Hinterbliebenen erkennbar, in ihren Augen, ihrer Haltung, in ihren Gesten. Und ich habe die Lebenden um Texte gebeten. Über ihre Trauer. Oder über die Freude, eine Spanne Zeit mit den Verstorbenen erlebt zu haben. Über den Tod. Über das Leben. Über alles zusammen.
Hardcover, 64 Seiten 28,5 x 19,5 cm, mit 23 Schwarzweißfotos und ebenso vielen Texten und mit einem Aufsatz von mir. Wehrhahn-Verlag. 20 Euro, ISBN 978-3-98859-164-7.
Zwei Beispielseiten: Doris Haas-Arndt mit ihrem Ehemann Peter Arndt und Sanella Fatkic mit ihrem Sohn Sinan.

Bildband „Bildschön – Aktaufnahmen von Frauen über 60“, ein Projekt, zu dem mich die beiden Initiatorinnen Ute Grahn und Barbara Schwartz als Fotograf hinzugeholt haben. Wehrhahn-Verlag, 104 Seiten, 72 Schwarzweiß-Fotos. Mit Vor- und Nachwort und Kurzbiografien der 15 fotografierten Frauen. Bestellbar hier.
„Wahre Schönheit hat Falten“, schreibt Anastasia Schell in ihrer Besprechung des Buchs in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 11.10.2025. Und am 24.11.2025 ist noch ein Text in der HAZ erschienen, für den Jutta Rinas drei Frauen aus dem Projekt befragt hat, warum sie sich haben fotografieren lassen: „Ich habe mich endlich ausgesöhnt mit meinem Körper.“

Gedichte aus den Jahren von 2017 bis 2023. Fünf Zyklen und ein Langgedicht, kombiniert mit acht Bildhauerzeichnungen von Peter Marggraf mit dem Titel „Vor der Morgendämmerung“. San Marco Handpresse, 88 Seiten, von Hand gebunden. April 2024.
Stefan Arndt nennt die Gedichte in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 11.06.2024 „Sprachkonzentrate, die Raum brauchen, um sich zu entfalten: Jedes Wort ein Tintentropfen, der ein Wasserglas färbt“.
Sabine Göttel schreibt in einer Besprechung für Peter Marggrafs „Berichte aus der Werkstatt“: „Wie Mythos und Märchen findet Bert Strebe in der Sprache Wege, das Unsagbare sagbar zu machen.“
Das Titelgedicht als Leseprobe hier.
Details und Bestellungen hier.

130 Fotografien (aufgenommen unter anderem in New York, Boston, Chicago und San Francisco) und der Lyrik-Zyklus „Die amerikanischen Gedichte“. Künstlerbuch, 21 x 21 Zentimeter, 114 Seiten. 50 nummerierte Exemplare. Mai 2023.

Neun Gedichte zu je neun Zeilen. Mit zwei Bildern von Otto Quirin: „Sommer“ und „Verano“. Privatdruck Carl-Walter Kottnik, Hamburg, Mai 2018.
Leseprobe: FÜR DICH

Manchmal darf man Dinge tun, die ein Geschenk für einen selbst sind. Dieses Buch, das ich zusammenstellen und bearbeiten konnte, ist ein solches. Madsack Medienagentur, Hannover, Mai 2018.
Leseprobe: das Vorwort.

Zwölf Gedichte. Mit Holzschnitten von Heike Küster. Stadtlichter Presse, August 2014.
Hier kann man den Text herunterladen.

Drei Stücke, darunter das Hörspiel „Die Innenseite des Wassers“, 2002 von Harald Krewer für Deutschlandradio Berlin (wie der Sender damals noch hieß) inszeniert, und „Rabenkind“, 2005 in der Regie von Reinhard Hinzpeter am Stadttheater Osnabrück uraufgeführt. Stadtlichter Presse, Januar 2014.
Leseprobe: Die ersten drei Szenen von RABENKIND.

Zwölf Geschichten. Von einem kleinen Jungen und einem großen Schiff, von Angst und Glück, vom Verlassen und Verlassenwerden. Stadtlichter Presse, September 2013.
Leseprobe: Die Geschichte DER PRINZ IM WASSER von 2007.

„Bert Strebe ersetzt in seinen Gedichten das bloße Wissen um die Dinge durch seine eigene Gewißheit, durch sein Vertrauen in die eigene emotionale Wirklichkeit.“ (Aus dem Nachwort von Wolfgang Berends.) Stadtlichter Presse, Juni 2012.
Leseprobe: WARPER TRILOGIE

Kleiner Roman über eine Clique von sieben jungen Leuten Mitte der siebziger Jahre in Westdeutschland. Stadtlichter Presse, September 2011.
Leseprobe: Das erste Kapitel des Romans.

Drei Gedichtzyklen. Mit Holzschnitten von Eric van der Wal. Verlag Eric van der Wal, Mai 2002.

Sieben Gedichte und ein Zyklus. Verlag Eric van der Wal, November 1999.
Etliche dieser Bücher sind inzwischen vergriffen. Manche gibt es noch antiquarisch, Restbestände evtl. noch bei mir. Bitte einfach eine Mail schreiben.

Das Fotoprojekt Anderwelt zeigt Hinterbliebene mit ihren Toten. Die Kamera kann die Verstorbenen nicht sehen. Aber sie sind im Gesicht der Hinterbliebenen erkennbar, in ihren Augen, ihrer Haltung, in ihren Gesten. Auf dem Foto oben: Sanella Fatkic mit ihrem Sohn Sinan. Sinan war 16, als er 2023 praktisch vor den Augen seiner Mutter von einem Nachbarn erschossen wurde.
Die Ausstellung „Anderwelt“ umfasst 23 Fotografien, die jeweils mit Texten der Trauernden kombiniert sind. Sie wird derzeit in der Galerie Schafstall (Bergstr. 31, 49152 Bad Essen bei Osnabrück) gezeigt, bis 05. Juli jeweils donnerstags bis sonntags von 15 bis 18 Uhr.

Im November 2026 ist die Anderwelt-Ausstellung in der St. Michaelis-Kirche in Braunschweig (Echternstraße 67, 38100 Braunschweig) zu sehen. Eröffnet wird die Präsentation mit einem Gottesdienst von Pfarrer Jakob Timmermann am Sonntag, 08. November, um 17 Uhr. Musik: Christina Wiesner (Gesang/Geige). Die Finissage findet ebenfalls im Rahmen eines Gottesdienstes am 29. November um 17 Uhr statt. Es singt das Vokalensemble Prismissimo. Die jungen Menschen haben bei der Chorleiterin Tabea Fischle gelernt. Sie war die Frau von Jan Seidel, den ich – zusammen mit ihr – für das Anderwelt-Projekt fotografiert habe.

Die Lyrikedition Hannover, deren Herausgeber ich war, hat von 2023 bis 2025 zehn Gedichtbände von zehn Hannoverschen Dichterinnen und Dichtern herausgebracht, alle erschienen im Wehrhahn-Verlag. In den ersten beiden Jahren sind jeweils drei Bücher herausgekommen, im letzten Jahr vier. Mit den Autorinnen und Autoren konnte ich durch eine gesonderte Förderung der Region Hannover jeweils eine kleine Tournee durch fünf Orte rund um Hannover organisieren. 2026 sind Nikola Huppertz, Eva Taylor, Alexander Rudolfi und Thomas Bothor dabei, zusammen mit dem Cellisten Mathis Ubben.
Wir sind noch an folgenden Orten zu erleben: